Interkulturalität: Das Eigene und das Andere

von Wolfgang Caspart

Wer auf Reisen geht, um die Welt kennen zu lernen, wird auf zunächst Fremdes stoßen. Ähnlich ist auch das Zusammentreffen mit einem noch Unbekannten etwas Anderes, als der Umgang mit den bisher Gewohnten. Das Gegenüber kann interessant und anregend, aber auch befremdlich und abstoßend sein. Nicht minder treffen Völker und Kulturen früher oder später auf andere und stehen dann vor der Frage, wie mit ihnen umgehen.

NEUGIERDE UND ABLEHNUNG

Vorerst werden wir herauszufinden versuchen, mit wem wir es zu tun haben. Das Zusammentreffen kann friedlich oder auch aggressiv stattfinden. Wir können uns austauschen und Handel treiben, oder uns bemühen, den Fremden zu überlisten, zu berauben und zu unterdrücken. Oft gehen beide Verhaltensweisen ineinander über. Und wie wir uns gegenüber Anderen verhalten, so können es auch Fremde uns gegenüber tun.

Schlägt die anfängliche Unsicherheit beider Seiten von der Freundlichkeit in die Feindseligkeit um, so kann daraus ernste Feindschaft entstehen. Jeder erinnert sich, was ihm der andere angetan hat. Keiner kann oder will verzeihen, und der Revanchegedanke geht von Generation zu Generation. Ein gutes Beispiel bringt dafür der Balkan. Die ewige Blutrache nimmt kein Ende. Besonders hartnäckig wird diese Situation, wenn es um Ressourcen und das Überleben geht.

So wie jeder alles mit seinen eigenen Augen sieht und sich selbst anfangs der Nächste ist, so hält er seine eigenen Ansichten für unbedingt richtig und die eigenen Erfahrungen für absolut. Treffen Kulturen und Religionen aufeinander, dann reagiert man mit der Ignorierung oder der Mission der Fremden. Die hohe Selbstachtung und eigene Lebenserfahrung wird zum Maßstab im Zusammentreffen mit den Anderen. Die Liebe zu den Nächsten lässt die Wertschätzung des Nächsten zurücktreten. Dies gilt im Ergebnis wechselseitig für alle Partner.

KULTURELLE AKKOMMODATION

In der christlichen wie moslemischen Kultur und Religion wird missioniert, im Hinduismus wie Taoismus ist man sich selbst genug, überschätzt sich und ignoriert das Andere. Das klassische Beispiel bildet der „chinesische Ritenstreit“, in dem katholische Missionare auf den Konfuzianismus stießen. Dabei ging es im 17. und 18. Jahrhundert und den chinesischen Ahnenkult, die Verehrung des Konfuzius und um den Namen Gottes, spielte sich aber im Grunde innerhalb der katholischen Kirche ab. Während sich die missionierenden Jesuiten bemühten, den christlichen Glauben über Analogien den Chinesen nahe zubringen, hielten die Traditionalisten diese Vorgehen für eine synkretistische Aufweichung oder gar Verrat am Christentum. Die flexiblen Jesuiten gestatteten den bekehrten Chinesen die Beibehaltung ihrer tradierten Riten und Zeremonien, also den Ahnenkult und die Verehrung des Konfuzius (Huonder 1921). Ähnlich passten schon die frühen Christen ihre junge Religion den Bräuchen, als äußeren Lebensformen und der Sprache den zu Missionierenden an. Andererseits warfen orthodoxe Konfuzianer den Jesuiten vor, sie verwendeten konfuzianische Begriffe, um ihre monströse Lehre besser verbreiten zu können, verschwiegen aber wesentliche Elemente ihrer Lehre (Gernet 2012).

Diese missionarische Akkomodation mittels Verständigungsbrücken wurde jedoch von den anderen katholischen Orden, den Dominikanern, Franziskanern und Augustinern kompromisslos abgelehnt. Sie setzten sich zunächst 1645 im Vatikan durch, zur selben Zeit eroberten aber die Mandschu China und zeigten sich den Europäern bzw. Jesuiten freundlich. Als pragmatischen Jesuiten die chinesischen Riten nur als zivile Bräuche interpretierten, erhielten sie 1657 vom Papst wieder die Erlaubnis zur missionarischen Akkomodation. Der jesuitische Standpunkt war, dass die chinesische Ahnenverehrung durchaus mit der abendländischen Grabpflege oder dem Allerheiligen- und Allerseelenfest zusammengehen könnte. Die Verehrung des Konfuzius hätte eine Parallele mit der Verehrung des gleichfalls noch heidnischen Aristoteles, der seit der Scholastik die höchste katholische Achtung erfuhr. Und der Name des Herrschers des Himmels, so die chinesische Bezeichnung des obersten Gottes, als dessen Sohn sich der chinesische Kaiser verstand, spielt mit dem Namen der Trinität aus Jesus Christus, Gottvater und dem Heiligen Geist keine unüberwindbare Rolle.

Der innerkirchliche Streit ging jedoch noch jahrzehntelang weiter, bis 1704 ein weiterer Papst die chinesischen Bräuche verbot. Immerhin hatten die gebildeten Jesuiten bis dahin 200.000 Chinesen zu Christen gemacht. Als die jesuitische Revisionsversuche 1715 scheiterten, verbot der dritte chinesische Kaiser aus der Manschu-Dynastie 1724 das Christentum, worauf nach neuerlichen Prüfungen eine päpstliche Bulle 1742 die chinesischen Riten endgültig verbot. Die Missionstätigkeit in China wurde untersagt wie auch dort Konvertiten verfolgt und unterdrückt worden sind, sodass das restkirchliche Leben weitgehend in den Untergrund abgedrängt wurde. Erst 1939 hob Papst Pius XII. die Bulle von 1742 „infolge der veränderten Lage“ wieder auf.

DAS EIGENE IM FREMDEN

Dies zeigt die vermeintliche Dichotomie im Aufeinandertreffen von Eigenem mit Fremdem. Wie weit kann man überhaupt die Gegenseite erkennen und anerkennen, ohne die eigene Identität zu verlieren? Als Lösung dieser Frage bietet sich die kleine Welt des menschlichen Alltags an: Wer sich selbst überschätzt, vermag auch den Anderen nicht zu respektieren und zu ehren. Nicht die formale Toleranz ermöglicht ein gutes Verhältnis zueinander, sondern die inhaltliche Akzeptanz. Auch der Andere bemüht sich wie man selbst, die letzten Fragen zu klären. Ein und desselbe Mond spiegelt sich in allen Wassern, und alle Wasser spiegeln den einen Mond. Sehen dies beide Seiten ein, haben Sie einen Weg gefunden, miteinander gut auszukommen und einander zu verstehen.

Dazu aber ist es nicht notwendig, die eigenen Standpunkte aufzugeben und zu verlassen. In der Tiefe bleiben die Verständnishorizonte verschieden. Der wahre Reichtum liegt in der Vielfalt (Mensching 1955). Erkennen beide Seiten, die Eigenen wie die Fremden, den Wert der eigenen kulturellen Tradition an, vergibt sich keine Seite etwas beim Studium der jeweils anderen Kultur. Alle Wege führen nach Rom, es besteht Wesensidentität von allen Phänomenen und ihrem Seinsgrund. Verliert man sich hingegen im Exotismus, landet man zunächst im Synkretismus,gibt sich dann selber auf und wird gesichtslos und uninteressant. Im 20. Jahrhundert waren die Chinesen, Türken oder Perser von der Überlegenheit der Europäer und Amerikaner so sehr fasziniert, dass sie diese nachahmten und ihre eigenen kulturellen Traditionen aufgaben. Man wurde liberaler Demokrat, Nationalist und Sozialist oder gar Kommunist.

Als sich der Westen der zeitbedingten Endlichkeit und Problematik seiner eigenen Ideologien bewusst wurde, begann sich allmählich in Europa und Amerika die Kulturdrift umzudrehen. Hochachtung und Verachtung komen und gehen. Wie man bei uns gerne Maoist wurde, so werden Chinesen und Vietnamesen nun Kapitalisten (Schweizer 1986). Allein wieder im Wesen und der Tiefe der eigenen Kultur Fuß zu fassen, soweit reicht(e) der Blick der Ungebildeten nicht. Unterschiede anzuerkennen, zeichnet einen transzendierungsfähigen Geist aus. Das wechselnde Herumspringen zwischen den einseitigen Vorbildern mit der Folge der Entwurzelung ist kein Dauerzustand. Auch der überzeugteste Versteher des Anderen wird erkennen, dass im Fremden kaum anderes gefunden wird wie im Eigenen. Deshalb macht es letztlich keinen Sinn, religiös und kulturell zu konvertieren. Nur wer sich selbst nicht aufgibt, kann an der Oberfläche vom Anderen lernen und in der Vielfalt das Eigentliche erkennen.

LITERATURNACHWEIS

Jacques GERNET: Die Begegnung Chinas mit dem Christentum. Neue durchgesehene Ausgabe mit Nachträgen und Index (Sankt Augustin: Institut Monumenta Serica). Steyler Verlag, Sankt Augustin 2012.
Anton HUONDER: Der chinesische Ritenstreit. Xaverius Verlag, Aachen 1921.

Gustav MENSCHING: Toleranz und Wahrheit in der Religion. Zuerst 1955. Bearbeitete Lizenzausgabe, Siebenstern Taschenbuch Verlag, München 1966 (Taschenbuch 81).

Gerhard SCHWEIZER: Abkehr vom Abendland. Östliche Traditionen gegen westliche Zivilisation. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1986.